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Radio "pur"

M. Tillmann 04/2005

 

In einer Zeit, in der tragbare Radiogeräte Robotern gleichen und Bedienungselemente Designfunktion haben, mutet das Model One von Tivoli Audio geradezu altmodisch an - oder doch sehr modern? Die Medien kreierten den Begriff "Retro-Design der späten 60iger Jahre". Und damit noch nicht genug: Es ist ein Monogerät! 
 

Das Objekt

Es handelt sich hierbei auch nicht um ein Designgeräte à la Lindbergh oder Casablanca, sondern um die letzte Entwicklung von Henry Kloss, bekannt als Entwickler hochwertiger Hifi-Komponenten bei KLH, Acoustic Research AR, Advent. Für den europäischen Markt erhielt das Tivoli das CE-Kennzeichen und wurde bezüglich Netztrafo und Selektivität angepasst. Zusätzliche Komponenten wie eine Stereo-Version, erweitert um einen zweiten Lautsprecher, der an das stereotaugliche Model Two angeschlossen wird, sowie ein Sub-Woofer und CD-Player runden das System auf.

Um welche Art Radio handelt es sich? Um ein Küchenradio, ein Kofferradio, eine Hifi-Komponente oder gar einen DX-fähigen Empfänger?

Die Bedienungselemente beschränken sich auf den Schalter "AUS-FM-AM", den Lautstärkeregler und den Abstimmknopf. Eine grüne LED zeigt den Betrieb an und eine gelbe die korrekte Abstimmung eines UKW-Senders, wobei die Helligkeit je nach Signal variiert, wie es seinerzeit die Indikatorröhren taten. Keine Weckfunktion, keine Speicher, kein LCD-Display, nur Mono! Aber eine solide Verarbeitung. Braucht man mehr zum Radiohören? Immerhin wird das Radio in verschiedenen Farben angeboten: Die Blende in Silber / Kobaltblau / Grün / Beige oder Schwarz, jeweils kombiniert mit den Gehäusefarben Weiß / Kirschholz / Ahorn / Walnuss oder Schwarz.

Ein internationaler Vergleich zeigte, dass Asiaten helle, Europäer mittlere und Nordamerikaner besonders tiefe Töne bevorzugen. Die seit Jahrzehnten auf diesen Kontinenten hergestellten Hifi-Komponenten zeigen auch deutlich die Anpassung ihres Klangbildes an diese Bedürfnisse.

So lässt schon die Herkunft aus den USA vermuten, welche Klangqualität für das Tivoli eine Rolle spielt. Dafür sorgt u.a. der großhubige Lautsprecher mit einem Durchmesser von knapp acht Zentimetern und das massive Holzgehäuse mit Bassreflexöffung auf der Unterseite. Der Klang ist - man muss es gehört haben - phantastisch. Wärend große, amerikanische Hifi-Komponenten für unsere Verhältnisse unangenehm wummern, trifft sich hier der Zwang durch die „Kleinheit“ gegenüber einem großen HiFi-Lautsprecher im richtigen Punkt. Da fehlt es nicht an Höhen oder Tiefen, er ist raumfüllend und klingt wunderbar ausgeglichen. Bemerkenswert ist die damit erreichte Sprachverständlichkeit. Damit erübrigt sich ein Klangsteller von ganz allein. Einzige Kritik gilt der Lautstärkeregelung im untersten Bereich. Hier wäre eine feinere Auflösung wünschenswert.

Als "tragbar" lässt sich das Radio durch seine Maße nur bedingt bezeichnen, aber die Möglichkeit, zwischen der Netzspannung von 230V (Kaltgerätestecker) und 12V-Gleichspannungsversorgung (Hohlstecker) zu wählen, ist schon beachtenswert und ermöglich den mobilen Einsatz.

Auf der Rückseite befinden sich neben den Buchsen für die Betriebsspannungen eine Klinkenbuchse zum Anschluss externer Audioquellen. Ferner steht eine Klinkenbuchse für den geregelten Kopfhörerausgang sowie eine für einen ungeregelten, mit "Rec" bezeichneten Ausgang bereit. Eine externe Antenne für UKW kann an die F-Buchse angeschlossen werden. Mittels Schiebeschalter wird zwischen interner und externer Antenne (siehe Bild hinten rechts) gewählt.


Das Innenleben hütet der Hersteller wie ein Geheimnis und so lehnt er es schlicht ab, Schaltpläne herrauszugeben, auch bei direkter Nachfrage. Und nicht, dass man überhaupt eine Bedienungsanleitung bräuchte, aber auch technische Daten findet man in der Verpackung nicht. So weist er immerhin in [1] auf die erstmalige Verwendung eines GaAs MES-FET-Mischers in seinem Radiogerät hin, wie er für den Mobilfunk entwickelt wurde. Dadurch verspricht er einen wesentlich besseren Umgang mit starken Mischsignalen im Gegensatz zu herkömmlichen Halbleiterschaltkreisen.

 

Der UKW-Empfang

Im UKW-Bereich fällt beim Abstimmen sofort die scharfe Abgrenzung zwischen Empfang und Nichtempfang auf, was auf eine hohe Steilflankigkeit des ZF-Filters hindeutet. Überhaupt besticht das Abstimmen des Radios dadurch, dass die meisten Sender, die empfangen werden, auch 100 prozentig empfangen werden. Die Stationen rasten beim Abstimmen regelrecht mit einem akustischen “Plop“ ein. Angenehm ist zudem die 5:1-Untersetzung des Abstimmknopfes in Verbindung mit einer großen Skala. Bereits ohne den Anschluss des beigefügten Antennendrahtes erschließt das Radio eine große Senderzahl, die sich mit externer Antenne noch deutlich steigern lässt, ohne das dies unter dem Kompromiss von Übersteuerung oder Übersprechen zwischen einzelnen Kanälen geschieht.

Dieser lupenreine Empfang sowie die Klangqualität haben einen gemeinsamen Nenner: Mono-Empfang! Was zunächst rüchständig erscheinen mag, stellt sich bei genauer Betrachtung als der Schlüssel zu diesen positiven Eigenschaften herraus.

Bekanntlich kann ein Stereosignal innnerhalb einer ebenso großen Bandbreite übertragen werden, wie ein Monosignal. Um aber die Information von zwei getrennt wiederzugebenden Kanälen für Links- und Rechts darin unterzubringen, wird es zunächst vom Sender zu einem Multiplexsignal verschachtelt. Dies geschieht durch die Bildung eines Summensignals Links + Rechts, das zum Betrieb eines Monoempfängers notwendig ist und den vollen Inhalt beider Kanäle beinhaltet, sowie einem Differenzsignal Links - Rechts, das um 38 kHz verschoben ist und den zweiten Kanal darstellt. Außerdem wird eine Pilotfrequenz von 19 kHz hinzugefügt, die zur empfängerseitigen Decodierung dieser Verschachtelung erforderlich ist. Schon diese grobe Darstellung macht deutlich, welcher Aufwand im Empfänger zur Decodierung des Stereoinhaltes getrieben werden muss.

Sie findet zwischen der Demodulation und der Audioverstärkung statt. Das Signal durchläuft Band- und Tiefpässe, eine Rückgewinnung der 38 kHz-Verschiebung durch z.B. im 38 kHz-Takt schaltende, elektronische Schalter und einen Mischer, in dem das Differenzsignal wieder in seine ursprüngliche Lage gebracht wird. Alle dabei entstehenden Signaldämpfungen, Verzerrungen und Rauschanteile müssen schaltungstechnisch in Form von Schwingkreisen oder PLL-Schaltungen wieder eliminiert werden. Es ist ein entsprechender Aufwand notwendig, um diese Verluste zumindest soweit zu reduzieren, dass sie sich in kritischen Empfangssituationen nicht nachteilig auswirken.


Ein UKW-Mono-Empfänger umgeht das Problem vollständig und nutzt direkt das vollwertige Summensignal des Senders.

Neu ist das nicht: Hifi-Tuner besitzen oft einen Schalter, der dem Anwender die Wahl zwischen Stereo und Mono ermöglicht und gute Autoradios schalten selbstständig auf Mono-Betrieb, wenn die Automatik auf der Suche nach besseren Alternativfrequenzen erfolglos blieb. Hiermit wird im kritischen Falle nicht nur der gute, unverrauschte Klang gerettet, sondern es erschließen sich darüber hinaus weiter entfernte Sender, da eine monaurale Übertragung bei gleicher Leistung eine höhere Reichweite hat. Zur Übertragung des Stereoeffektes bleiben nämlich 55 Prozent der Senderenergie auf der Strecke. Für die eigendliche Information bleiben 45 Prozent - im Gegensatz zu den 100 Prozent bei der monauralen Übertragung. Beim Tivoli wird dies eindrucksvoll demonstriert.

Folgende Tabellen geben einen statistischen Vergleich zwischen drei Empfängern wieder, einmal für den UKW- und einmal für den AM-Bereich. Die Auflistung konkreter Sender erschien mir der Standortfrage wegen wenig sinnvoll. Bei dem Vergleich wurde nicht zwischen Sendestandorten unterschieden, so werden auch verschiedene Frequenzen ein und des selben Senders gewertet. Der Empfangsstandort befand sich im ländlichen Raum in einem Tal, dazu in einem Untergeschoss. Bei dem Vergleich des UKW-Empfangs trat das Tivoli mit den mitgelieferten, externen Antennendraht gegen den Siemens RK-770 mit der eigenen Teleskopantenne und dem ICOM IC-R10 mit der eigenen Gummiantenne an.


UKW

identifizierbar

verrauscht

rauschfrei

insgesamt indentifiziert

Tivoli (Drahtantenne)

4

6

25

35

Siemens RK-770 (Teleskopant.)

7

12

19

38

ICOM IC-R10 (portable Gummiant.)

3

9

10

22

Der Anschluss eines Drahtes von ca. 1,2 Meter (die Wurfantenne des Tivoli) brachte dem ICOM IC-R10 zwar mehr Einträge unter der Rubrik „rauschfrei“, bei schwächeren Sendern jedoch starke Mischprodukte; die typische Folge von Übersteuerung.

 

AM-Empfang

Der AM-Empfang machte besonders neugierig, da in den Vereinigten Staaten, aus denen das Gerät stammt, die Amplitutenmodulation in der Rundfunkversorgung noch einen hohen Stellenwert besitzt.

Bei der Empfangsstärke ist eine Abhängigkeit von der Geräteausrichtung festzustellen. Ein Blick in das Gerät verrät, dass eine Rahmenantenne eingebaut ist. Sie ist um die Stege gewickelt, in die die Gehäuseschrauben zur Befestigung der Frontplatte gedreht werden. Bemerkenswert ist hier, dass nicht eine Ferritantenne wirkt, wie dies üblich ist, sondern eine Luftspule – eben eine Rahmenantenne.

Der Anschluss einer externen MW-Antenne ist nicht vorgesehen. Findige Kurzwellenhörer wissen diesen Makel auszugleichen. Dazu stellen sie das Gerät in eine Rahmenantenne, die natürlich auf Mittelwelle abgestimmt sein muss, und koppeln so die Empfangsenergie der Rahmenantenne drahtlos in die geräteinterne Rahmenantenne ein.

Die Innenansicht zeigt die Rahmenantenne in der Frontplatte und die UKW-Antenne an der Innenseite der Rückwand

Der RK-770 und ICOM IC-R10 mussten zum Vergleich des AM-Empfangs mit ihren internen Ferritantenne antreten.

Die Empfindlichkeit des Tivoli hat ein niedriges Niveau. Insgesamt liegt es im Vergleich deutlich hinter dem Siemens RK-770 zurück. Dies belegt die Anzahl der empfangenen Stationen sowie die Qualität der Empfänge. Die wenigen, sehr starken Stationen waren dafür wesentlich angenehmer zu hören, dies ist auf die hervorragende NF-Stufe bzw. den Lautsprecher zurückzuführen.

Wärend auch in AM der Eindruck bestätigt wird, dass die Selektivität hoch ist (schmaler Abstimmbereich), so konnten auch eine negative Erscheinung beobachtet werden: Zwei FM-Stationen schlugen in den AM-Bereich durch. Bei einer späteren Beobachtung war dieser Effekt allerdings nicht mehr reproduzierbar. Der ICOM schließlich ließ überhaupt nur zwei Stationen an den Lautsprecher durchdringen, aber ihn in einen Vergleichstest für Mittelwellenempfang einzubeziehen, ist ja auch etwas ungerecht, wenn man seine Stärken kennt.

Beim Tivoli fiel eine Frequenzinstabilität auf, die sich im Laufe von Stunden an dem Abklingen der LED-Helligkeit bemerkbar machte. Dennoch reichte sie nie aus, um etwa den eingestellten Sender wegen hörbarer Fehlabstimmung nachstimmen zu müssen.

AM

identifizierbar

verrauscht

rauschfrei

insgesamt indentifiziert

Tivoli

8

7

4

19

Siemens RK-770

6

15

6

27

ICOM IC-R10

2

-

-

2


Fazit

Eine Beurteilung des Tivoli fällt nicht leicht, da es so außergewöhnlich ist. Die Empfangsvergleiche stellen ihm in UKW ein hervorragendes Zeugnis aus. Beim Mittelwellenempfang muss berücksichtigt werden, dass bereits der RK-770 keinem Vergleich mit einem LOWE HF-150 oder gar dem NRD-535 von JRC standhält. So ist das Ergebnis des Tivoli hier als um so schwächer zu werten. Es ist Kofferradio und Hifi-Aktivbox gleichermaßen. Durch den Audioeingang lassen sich verschiedene Quellen auf ordentliche Zimmerlautstärke verstärken. Die beiden Stärken des Gerätes haben es bei mir einen festen Platz neben dem NRD-535 als Zusatzlautsprecher einnehmen lassen, der ganz nebenbei UKW-Empfang hoher Güte bietet. Insbesondere als „Nachsetzer“ eines NF-Filters oder Audioprozessors ist es zu verwenden. Also solcher ist er nicht einmal teuerer als diejenigen, die von den Empfängerherstellern explizit als Zubehör angeboten werden. Auch wenn sich üblicherweise schmalbandige Lautsprecher für den Kurzwellenempfang anbieten - zur zusätzlichen Selektion des Sprachfrequenzbereiches und damit zur Verbesserung der Sprachverständlichkeit - so verschlechtert ein breitbandiger Lautsprecher die Verständlichkeit dennoch nicht, verbessert sie aber im Falle eines störungsfreien Empfangs gewaltig.

Technische Daten:

Herstellerangaben: 

Betriebsspannung:

230V 50Hz, 25W


12V=

Max. Betriebsstrom:

600mA

Maße HxBxT:

114cm, 212cm, 133cm

Gewicht:

2,3 kg

Preis:

knapp 180 €



Energiebedarf (gemessen):


An 230V~

NF minimal: 23,7mA 5,45W


NF maximal: 35,0mA 8,0W

An 12V=

NF minimal: 116mA 1,4W


NF maximal: 250mA 3,0W

 

[1] www.tivoliaudio.com


 


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