Home > Artikel Index > Praxis > Praxis: Wellenausbreitung > High Noon und Sonnenfinsternis - die Mittelwelle am Mittag | 09/1999 User: Visitor
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High Noon und Sonnenfinsternis - die Mittelwelle am Mittag

Thomas Lustig 09/99

Eine Langzeit-Beobachtung

Üblicherweise gelten die Sommermonate Juli und August zur Mittagszeit als denkbar ungeeignet für interessante MW-Empfänge. Dennoch lassen sich vor allem in vom elektronischen Störnebel weitgehend verschonten ländlichen Gebieten und mit einer guten Außenantenne zu dieser Tageszeit auch Stationen hören, die abends und nachts im Interferenz-Chaos untergehen. Im folgenden werden die Empfänge der ersten zehn August-Tage (1000 bis 1100 Uhr UTC) und die Auswirkungen der im Empfangsgebiet Mittelrhein (Großraum Koblenz) Partiellen Sonnenfinsternis vom 11. August dokumentiert. Zum Einsatz kam an allen Tagen eine in Südost- Nordwestrichtung gespannte, 150 m lange Drahtantenne, die in fünf bis sieben Metern Höhe über die Bäume eines Wiesengeländes bergabwärts führte.
 

Empfangsprotokoll 1. bis 10. August 1999, 1000 bis 1100 Uhr UTC:
Die angegebenen O-Werte aus dem SINPO-Code spiegeln die durchschnittliche Gesamtqualität wieder; die jeweiligen Tages-O-Werte lagen teilweise eine Stufe unter oder über diesem Mittelwert. Eingeklammerte Ziffern weisen daraufhin, daß die Station nicht täglich zu hören war.
531 SUI DRS1 4
540 BEL BRTN2 5
549 D DLF 5
558 SUI RSI1 5
G Spectrum R 2
567 IRL RTE1 3
576 D SWR1 BW 5
585 F FIP 3
E RNE R1 (2)
594 D HR1 5
603 F R. Blue 3
G Capital Gold 2
612 IRL 2FM 3
621 BEL RTBF1 5
630 G Three Counties R 2
639 CZE Praha 3
648 G BBCWS 5
657 I RAI1 2
666 D SWR4 BW 4
675 HOL R.10 Gold 5
693 G BBC5 4
I RAI2 2
711 F R.Bleue 1
729 G BBC R. Essex 2
810 G BBC R. Scotland 2
819 F Sud Radio (2)
828 HOL Arrow 4
855 G BBC R. Norfolk 3
918 SVN Ljubljana 2
963 G Liberty R. (1)
1062 DNK DR 2
1152 G LBC Amber R. 2
1314 NOR NRK 3
1395 HOL Talk R. 4
1458 G Sunrise R. 2

Es ist sicher, daß mit einsetzenden Herbstbedingungen spätestens Ende September oder Anfang Oktober viele der oben aufgeführten Sender und weitere auch mit geringerem Antennenaufwand tagsüber zu hören sein werden.
 
 

Solar eclipse - High Noon am 11. August
Erste Empfangsversuche an diesem Tag gegen 0945 Uhr UTC , die sich auf die Lowpower-Sender in Cornwall und Devon auf 657, 801 (wo im Winter R. Devon durchaus dem BR Konkurrenz macht) und 954 kHz konzentrierten, führten zu keinen Erfolgen. Hier wie im gesamten übrigen unteren Teil des MW-Spektrums waren nicht mehr Stationen zu hören als an den Tagen der protokollierten Woche. Zum Beispiel waren die britischen Kleinsender von Capital Gold auf 603 und 945 kHz gleichbleibend schlecht, BBC R. Scotland auf 810 kHz sogar schlechter als sonst und die an einigen Tagen zuvor durchgekommenen spanischen Stationen auf 585, 738 und 855 kHz überhaupt nicht zu hören.

Dagegen kam es im oberen, eher zum Raumwellen-Empfang neigenden, Teil des Spektrums ab 950 kHz kurz vor 1000 Uhr UTC zu zum Teil gewaltigen Signalanstiegen, die bis gegen 1050 Uhr anhielten. Besonders auffällig war hier der Empfang des deutschsprachigen Senders Bozen auf 1602 kHz, der, sonst um diese Tageszeit im Sommer mit 0=1 nur zu erahnen, als erster aus dem Rauschen auftauchte und bei nur geringer Interferenz durch R. Kent am längsten von allen angestiegenen Signalen gut zu hören war. Deutliche Signalanstiege, teilweise bis Ortssenderqualität, wurden vor allem auf Kanälen festgestellt, die an den Tagen zuvor schlecht oder sehr schlecht zu empfangen waren, darunter die französischen Sender auf 1404, 1494 und 1557 kHz, die tschechisch-slowakischen Stationen auf 954, 1098, 1233 und 1287 kHz, die italienischen Mittelwellen 981, 1035, 1116,1368, 1449 und 1575 kHz und Kroatien auf 1125 kHz. Besonders auffällig war das starke RAI-Signal auf 1314 KHz, das den sonst auch mittags ordentlich hörbaren Norweger völlig verdrängte; offenbar führte die Sonnenfinsternis zu einer starken Dämpfung der nördlichen Ausbreitungswege, was auch das schwächere Signal des schottischen Senders auf 810 kHz und die Abwesenheit von Dänemark (1062) und Schweden (1179 kHz, falls in Betrieb) an diesem Tag nahelegen.

Im Normalbetrieb dient die beschriebene Langdrahtantenne vor allem dazu, auch tagsüber britische Sender mit mindestens ausreichender Sprachverständlichkeit empfangen zu können. Insofern war es nicht verwunderlich, daß starke Stationen wie auf 1053, 1089, 1458 und 1548 kHz eine knappe Stunde wie Ortsender hereinkamen. Überdies verbesserten sich die schwachen Signale aus Essex auf 1359 und 1431 kHz und LBC London auf 1152 (zum Nachteil von Amber R.) wesentlich.Außerdem waren die im Sommer sonst praktisch immer unhörbaren Londoner Sender des religiösen Anbieters "Premiere" auf allen drei Frequenzen (1305, 1332 und besonders 1413 kHz) sowie das in Herbst und Winter durchaus nicht seltene London Turkish Radio auf 1584 kHz mittel bis gut aufzunehmen. Auch Breeze AM 1521 konnte dank Sonnenfinsternis hier gelogt werden. Erfolglos dagegen blieben angesichts der starken RAI-Interferenz Versuche, den RNI-Revivalsender auf 1575 kHz zur Mittagszeit zu hören. Auch gelang es uns nicht wie weiter östlich oder südlich wohnenden MW-Spezialisten, Sender aus Spanien, Ungarn oder Rumänien zu empfangen,was sonst an einzelnen Tagen auch im Sommer mittags zum Beispiel auf 630, 855 oder 1152 kHz gelegentlich durchaus möglich ist.

Wenn dieser Artikel einige Leser dazu anregt, bei Empfängertests und Antennenexperimenten zu Hause oder auf DX-Camps die Grenzen und Möglichkeiten des mittäglichen MW-Empfangs an veschiedenen Tagen zu testen, dann hat er seinen Zweck erfüllt. Denn aus Erfahrung gilt:

auch mittags und nachmittags ist die Mittelwelle bei geduldiger Beobachtung für manche Überraschung gut, auch ohne Sonnenfinsternis.

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