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Die Identitätskriese eines Kurzwellenhörers

M.Tillmann 11/99

Das Interesse am Kurzwellenhören beginnt auf unterschiedlichste Weise. Da erbt jemand einen Grundig S-1000, der ihn schon ohne weiteren Aufwand näher an die Kurzwelle heranbringt, als es das Küchenradio vermag. Soll heißen, es waren tatsächlich Rundfunksender aus anderer Welt zu hören - und zu verstehen. Von da an wuchs der Wunsch nach Mehr und die Suche nach entfernteren oder schwerer empfangbaren Stationen entwickelte sich zum Hobby, eine Art Sammlertrieb. Das beim Hören anfangs nur störende Brodeln, Zischen und Prasseln beginnt sich zu einem Grundbestandteil des Hobbys zu entwicken. Wärend deswegen der Nicht-SWL kategorisch das Kurzwellenhören ablehnt, stellt es für den SWL den Hintergrund seiner Bemühungen dar - das Empfangen eines Senders TROTZ dieser Einschränkungen. Zunächst eignet sich dafür der SWL eine Fähigkeit an, die erst trainiert werden muss, nämlich das akustische Selektieren. Tatsächlich zeigt sich die Fähigkeit nicht nur im Vergleich zwischen einem SWL-Neuling und einem alten Hasen. Er lernt verschiedene Sprachen zu unterscheiden, lernt auch noch die Rätsel der Atmosphäre kennen, die, beeinflusst von der Sonne, Tages- und Jahreszeit, Kurzwellenausbreitung mal möglich und mal nicht möglich macht. Außerdem lernt er, sich nächtelang mit Kaffee wachzuhalten und womöglich den mitleidigen Bemerkungen der Mitmenschen zu trotzen.
 

Auf Nachbars Haus prahlt eine riesige Antenne und er fragt sich, ob das Haus die Antenne stützt oder die Antenne das Haus. Der SWL, von Natur aus wissbegierig, bringt in Erfahrung, dass es sich hier um einen Funkamateur handelt. Was machen die eigendlich so? Dann dauert es nicht lange und er informiert sich über jegliche Antennen, die er zu Gesicht bekommt und besonders über das, was sich am anderen Ende der Antenne befindet. Die Vielzahl von Funkdiensten hat ihm längst klar gemacht, dass es noch mehr Objekte der Begierde gibt, als nur Rundfunkstationen. Mit dieser Erkenntnis erhält er einen Tiefschlag. Denn trotz der Kenntnis von der Frequenz eines interessierenden Senders und auch der Geduld, die von Nöten ist um Sender ohne bekannten Sendeplan zu hören, wollte der S-1000 dem SWL nicht so recht Zugang zu den ?geheimnisvollen? Diensten gewähren. So verrückt der SWL für einen Außenstehenden bereits erschien, weil er sich stundenlang nicht der Bequemlichkeit der multimedialen Welt hingab, sondern geradezu das Gegenteil davon suchte, kauft er sich dann auch noch ein ?Radio? für eine vierstellige Summe, welches nicht einmal einen UKW-Teil besitzt geschweige Stereo-Empfang bietet. Denn dieses besitzt immerhin die Betriebsart SSB, mit der sich erst die ganze Welt der Kurzwelle eröffnet. Und dieser, sagen wir halbprofessionelle Kurzwellenempfänger, stellt ihn vor eine der vielen weiteren Herrausforderungen. Zunächst gibt das teuere Schmuckstück nur wenig her. Also gut, nicht einmal eine Antenne hat das teure Stück, eine externe Antenne ist erforderlich. Der SWL beschäftigt sich mit elektromagnetischen Wellen, der Wirkungsweise von Antennen und dem Aufbau und den Eigenarten von Empfängern. Und so wird ihm klar, dass neben Geduld und feinem Gehörsinn die Technik der Schlüssel für weitere Erfolge ist. Vielleicht nur mit einem Draht als Antenne ausgerüstet macht er Jagt auf Boden,- See- und Luftstationen, auf Amateurfunkstationen und vieles mehr. Datenübertragungen, anfangs wegen ihrer eigenartigen Töne eher den Störungen zugeordnet, beginnen Sinn zu machen. Mit zunehmender Kenntnis der Technik entstehen in seinem Shack bessere Antennen, Zusatzgeräte zur Abstimmung der Selben, Decodierer für Datenfunk und Filter zur Beeinflussung der Niederfrequenz.
 

Während er so zum HF-Spezialisten avanciert, tritt das ein, was ihm sicher schon manche SWL´s vorher prophezeit haben. Auf die Frage:? hast du in letzter Zeit neue Stationen gehört??, oder:? ist die Frequenz soundso wieder aktiv?? mag er nur zögerlich antworten:? also, in letzter Zeit komme ich eigendlich garnicht mehr so richtig zum Hören?. Klar, je mehr Stationen und Länder der Sammler empfangen hat, umso weniger neue Erfolge wird er ernten. Vielleicht gibt das Schreiben von Empfangsberichten oder gar die Teilnahme an Kontesten neue Impulse, aber die Beschäftigung mit der Technik fesselt ihn zunehmends. Und wärend es dem SWL anfangs noch darum ging, den Empfang zu verbessern, sieht er sich mittlerweile dazu berufen, Empfangstechnik herzustellen, die er bereits längst käuflich erworben hatte. Neben der handwerklichen Herrausforderung steht dabei die Bestätigung dessen im Vordergrund, was er mittlerweile an technischen Wissen erlangt hat. Warum sonst äußern immer wieder SWL´s den höchsten aller Wünsche, einmal einen Kurzwellenempfänger selbst zu bauen.
 

Kann der Kurzwellenhörer sich überhaupt noch ?Hörer? nennen? Steckt er also in einer Identitätskriese? Manche Diskussionen unter SWL´s lassen diesen Schluss zu, aber so eng kann man den Begriff wohl kaum nehmen, um eine Kriese darin zu sehen. Der SWL beschäftigt sich mit dem Kurzwellenhören, dazu gehört eben auch das, was das Hören ermöglicht.
Woher kommt aber die Resignation unter vielen SWL´s, ebenso wie der Mitgliederschwund bei den Hörer-Clubs? Ist es ihnen allen so ergangen, wie unserem SWL?
Nein, wenn das Hören zugunsten des Basteltriebes in den Hintergrund gerät, so bleibt aber eben das Basteln als Beschäftigung mit der Kurzwelle und solange bleibt auch das Hobby lebendig. Es muss also Ursachen geben, die sowohl das Hören wie auch das Basteln, also die Tätigkeit des SWL´s insgesamt uninteressant machten.
 
 

 
Experimentierfreude!

Vielleicht ist es einfach der Mensch, also auch der SWL´s der heutigen Zeit, der ihn zu empfänglich macht für die Bequemlichkeiten der modernen Errungenschaften, allem vorweg das, was man Multimedia nennt (Internet, UKW-Rundfunk, Sat-Fernsehen). Warum mühsam Informationen nachjagen, die ihm doch so einfach in den Mund gelegt werden? Sicher erklärt das eine gewisse Anzahl ?ehemaliger? SWL`s.
Es ist in diesem Zusammenhang interessant, dass mancher SWL aufgrund seines politischen Interesses zur Kurzwelle kam. Sie stellte Jahrzehnte lang die einzige Quelle zu Informationen aus anderen Teilen der Welt dar, die nicht erst vom Staat zensiert wurden. Jede Rundfunkstation für sich betrachtet mag ebenfalls zensiert, gefärbt und propagandistisch sein; aber gerade über die Vielzahl und Verschiedenheit, die er in Relation setzte, konnte sich der SWL ein realistischeres Bild von der Weltpolitik machen, als derjenige, der nur Inlandspresse hörte.
Aber selbst, wer zu dieser Gattung SWL gehört, bekommt es nicht leicht gemacht, dieses schöne Hobby weiterzuführen.
 

Das Sendersterben auf der Kurzwelle beispielsweise stellt das Hobby nicht unerheblich in Frage. Dies betrifft Rundfunk- wie kommerzielle Stationen gleichermaßen und mancher SWL ist geneigt zu fragen, was man überhaupt noch hören soll. Nun, eine solche Aussage erinnert mich eher an ein schlechtes Alibi, um sich von der Szene zu verabschieden (was aber keine Kritik sein darf). Immerhin schalteten auch die gewaltigen Störsender in der ehemaligen UdSSR ab. Dies und die Hoffnung auf ein Abflauen des Mega-Watt-Krieges der Rundfunksender sollte eigendlich aufatmen lassen in Hinblick auf einen Äther, der vor vielen Jahrzehnten einmal Grund war, dass Funkverbindungen mit wesentlich geringerem technischen Aufwand funktionierten. Gemeint ist vor allem die Großsignalfestigkeit und Selektivität auf der Empfängerseite sowie Sendeleistung auf der Senderseite. Mit der heutigen Empfangstechnik sollte damit eine immense DX-Steigerung möglich werden - wenn das nichts ist!
 

Ja ja, und schon hört man von Datenübertragung via Stromnetz und dem endgültigen Aus für die Kurzwelle. Wenn das tatsächlich eintreten sollte, dann sehe ich in dem Hobby auch nur noch einen Outdoor-Sport, ähnlich wie Angeln und Fotosafari. Anders dürfte dann den Störungen nicht zu entkommen sein. So ärgerlich es sein mag, vielleicht gibt es unter den SWL´s trotzdem die hartgesottenen, die dann eben an die frische Luft gehen. Und Fielddays erfreuen sich auch heute noch großer Beliebtheit, sie haben ihren eigenen Reiz und bringen zudem Menschen einander näher. Hier kann man nur abwarten.
 

Für den Bastler hingegen gibt es größere Hindernisse zu überwinden. Wärend vor Jahrzehnten jedes Radiogeschäft - die gab es nämlich mal - alle nur erdenklichen Teile zur Radio- und Elektronikbastelei auf Lager hatten, hat er heute oft nur noch die Wahl zwischen wenigen Versand-Firmen, um überhaupt an Bauteile zu kommen. Wieviel Bauprojekte hat der SWL schon zu den Akten gelegt, da er ohne Bestellung nicht zu den erforderlichen Bauteilen gelangte. Da fehlen ihm z.B. nach Ausschlachten alter Radios noch eine Handvoll Teile, um sich ein Zusatzgerät zu bauen. Diese Teile von , sagen wir 10,-DM Gesamtwert, zu bestellen kostet Überwindung, da die Portokosten mitunter fast dem Materialwert entsprechen und somit den Preis verdoppeln. Viele Versande fordern gar Mindestbestellwerte.
Leider geht auch der Trend bei Bauanleitungen zur Verwendung von immer mehr diskreten Bauteilen über, die dem ?einfachen? SWL das Verständnis für die Schaltung nehmen. Dieser Trend bringt unweigerlich den sprichwörtlichen Steckdosenamateur hervor, der auf Dauer keine rechte Befriedigung in dem Hobby mehr finden kann. Damit wären die nächsten Abwanderer beschrieben, und ebenso eine Identitätskriese.
Ganz so schlimm muss man das aber nicht sehen. Denn gerade beim Hobby des SWL gibt es keine Notwendigkeit, neuestes Equippment zu benutzen. Das gilt bei dem Empfänger und erst recht bei Zusatzgeräten. Hierzu möchte ich auf ältere Literatur verweisen, die entstand, als diskrete Bauteile noch nicht in dem Umfang zur Anwendung kamen. Die darin enthaltenen Bauanleitungen sind meist übersichtlich, ja oft genial einfach aufgrund des indiskreten Aufbaus. Notwendig könnte dazu allerdings eine Bank von Vergleichstabellen sein, um damals verwendete Bauelemente zuordnen zu können. Die Optimierung der Stationsausrüstung ist auch mit modernen, käuflich erwerbbaren Produkten nicht mehr wesentlich gegenüber Selbstbauten zu steigern, auch wenn die entsprechenden Hersteller und Fachzeitschriften dies verkünden. Nun gut, das Geschäft muss halt weiter gehen. Noch mehr Spielraum bietet dabei das Experimentieren mit Antennen. Der SWL darf sich nur nicht selbst im Weg stehen und dem Konsum verfallen (leicht gesagt). Und wer sagt eigendlich, dass ein Hobby bequem sein muss? Wäre es dann überhaupt noch eines?
 
 

 
Es geht aber auch einfacher!

Und wärend die Kurzwellenhörer, das betrifft die Funkamateure besonders, klagen, vergessen sie eine weitere Möglichkeit, ihr Hobby zu festigen. Offensichtlich gelingt es nicht, die Jugend für die Beschäftigung mit der Kurzwelle zu interessieren. Die Mitgliederstatistiken der Hörer-und Amateurfunkvereine belegen deutlich eine Vergreisung. Da es junge und unerfahrene Interessenten aufgrund der o.g. Hindernisse besonders schwer haben, diese Beschäftigung zu einem Hobby gedeihen zu lassen, käme es auf Vermittlung durch die Alten an. Statt dessen zeichnen sich z.B. manche OM´s, also erfahrene Amateurfunker dadurch aus, dass sie auf das Morsen als Einstieg in die entsprechende Lizenz beharren oder sich Rechte aus ihrer langjährigen Mitgliedschaft ableiten, welche junge Mitglieder nur verprellen. Wie wichtig wäre frischer Wind und neue Ideen in diesem Metier. Hier besteht tatsächlich eine Kriese, eine selbst gemachte.
 

Als Fazit lässt sich sagen, dass es durch äußere Umstände nicht wirklich Gründe gibt, das Hobby des SWL als Sterbefall zu betrachten. Der Begriff Hobby allein sollte dafür stehen, dass man sich Herrausforderungen stellt, sonst wäre es, wie bereits gesagt, kein Hobby. Fehlendes Interesse am Kurzwellenhören allerdings ist eine Entwicklung, der man keinen Vorwurf machen kann. Das hat jeder selbst in der Hand. Er kann dem wiederstehen, aktiv oder alten Zeiten nachtrauernd, oder er kann dem verfallen. Das einzige, was unglaubwürdig erscheint ist, wenn ein SWL sein Desinteresse mit der Entwicklung auf der Kurzwelle oder dem Aufkommen modernerer Kommunikationstechniken begründet.

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