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Die Beurteilung von Kurzwellenempfängern

M.Tillmann 07/99
 

Der angehende SWL hat irgendwann einmal vor der Frage gestanden: Welchen Kurzwellenempfänger soll mir mein Hobby ermöglichen? Dann geht die Suche los. Testberichte werden gelesen, Erfahrungen von Hobby-Kollegen werden eingeholt. Genauso geht es oft dem SWL, der sich verbessern möchte. Und dann kommt das Übliche: Je mehr man weiß, desto mehr weiß man, was man noch nicht weiß. Die Widersprüche nehmen zu, jeder scheint anderer Meinung zu sein. Und das, obwohl es doch offensichtlich eindeutige Kriterien zur Beurteilung eines Weltempfängers gibt. Diese Kriterien können rein technisch definiert oder auch subjektiv beeinflußt sein. Einige wesentliche, messtechnisch erfassbare Eckdaten sind u.a.:

 - Empfindlichkeit
 - Trennschärfe
 - Frequenzstabilität
 - Dynamikbereich
 - Kreuzmodulation
 - Weitabselektion
 - Spiegelfrequenzunterdrückung

Anhand derer ließen sich doch im Grunde die Geräte gut miteinander vergleichen. Scheitern tut das allerdings daran, dass die meisten Publikationen diese Daten nicht oder nur unvollständig veröffentlichen. Zudem wäre ein Vergleich aufgrund von Prospektangaben, die oft auch  Fachzeitschriften als Quelle dienen, wenig aussagefähig. Dabei beziehen sich o.g. Eckdaten nämlich zum Teil auf verschiedene physikalischen Einheiten.

Die Empfindlichkeit beispielsweise, angegeben in µV, sind zu verschiedensten Bedingungen ermittelt. Zu berücksichtigen ist nämlich die Bandbreite und Frequenz, bei der die Messung stattfindet. Je schmalbandiger der Empfänger geschaltet ist, umso empfindlicher kann sich der Empfänger zeigen. Das geht soweit, dass manche Hersteller eine schmalbandige Konfiguration für ihre Messungen wählen, die nicht einmal serienmäßig angeboten wird, bestenfalls auf Option.

Bei der Trennschärfe ist vorallem zu berücksichtigen, welche Charakteristik die Filter aufweisen. Insbesondere die Steilflankigkeit ist gefragt. Sie wird ersichtlich aus dem Shape-Faktor, der das Verhältnis zwischen zwei Dämpfungswerten angibt. Z.B. hat ein Filter die Werte 2,4 / 6,0 kHz bei -6 / -60dB. Der Shape-Faktor beträgt hier 6,0 : 2,4, also 2,5. Je kleiner der Shape-Faktor ist, desto steilflankiger und besser ist das Filter. Zu achten ist auf den zweiten dB-Wert, der oft mit -50dB angegeben wird. Eine solche Angabe kann in Prospekten zu besseren Angaben führen, da der Dämpfungswert eine geringere Tiefe aufweisen braucht. Soviel zu den ZF-Filtern, die die NF-Bandbreite bestimmen. Die wirklich effektive Trennschärfe wird aber auch durch die Eingangs-und Weitabselektion beeinflußt.

Angaben zur Frequenzstabilität sollten ebenfalls auf ihren Bezug hin überprüft werden. Es ist sicher kein Geheimnis, ppm in Hz umzurechnen. Berücksichtigt werden muss aber, auf welchen Zeitraum diese Frequenzänderung geschieht. Oft werden Angaben geschönt, indem die Frequenzdrift erst nach einer gewissen Aufwärmzeit angegeben wird, in der bekanntlich die größte Drift erfolgt.

Keine Leistungsangabe eines Empfängers wird derart missbraucht und gleichermaßen missverstanden wie der Dynamikbereich. Immerhin stellt er so etwas wie eine ?Gesamtleistungsfähigkeit? eines Empfängers dar und wirkt sich entscheidend auf die nutzbare Empfindlichkeit aus. Der Zustopfeffekt lässt sich messen durch die Desensibilisierung, die entsteht, wenn Signalspannungen eingespeist werden, welche in gewissem Frequenzabstand zueinander liegen und von dem einer in seinem Pegel soweit erhöht wird, bis eine Sättigung eintritt. Hier wird ein Zustopfen bei manchen Herstellern bei 1dB, bei anderen erst bei 3dB Amplitudenabfall angegeben. Letzteres erlaubt natürlich bessere Angaben für den Dynamikbereich. Wärend ein Differenzwert gleich einer tatsächlich verwendeten ZF-Bandbreite die realitätsnächsten Werte für den Dynamikbereich ergeben würde, werden die meisten Messungen mit 20, 30 oder gar 50 kHz Differenz gemessen. Damit steigt der dB-Wert des Dynamikbereiches prospektgerecht um bis zu 40dB an. Entscheidend also ist die Angabe der Frequenzdifferenz, mit der der Empfänger bei der Messung beaufschlagt und bis in die Sättigung getrieben wird. Ebenso ist die Vergleichbarkeit der Eingangspegel zu beachten.

Die hier aufgeführten Punkte sind nur Beispiele, die aufzeigen sollen, wie sehr die Beurteilung eines Empfängers von der Deutung einzelner Eckdaten abhängig ist. Um nicht noch weiter ins Detail zu gehen sei gesagt, dass auch bei Angaben zu Kreuzmodulation, der Weitabselktion und z.B. der Spiegelfrequenzdämpfung immer die genauen Meßverfahren bekannt sein müssen, um diese Meßwerte überhaupt zum Vergleich von Empfängern heranziehen zu können.

Wie kommt es aber, dass trotz vergleichbarer Messwerte (wenn sie es schließlich wirklich wären), die Güte des einen oder anderen Empfängers bei einem Vergleich unterschiedlich bewertet wird. Sicher spielt hier auch das subjektive Hörempfinden ein Rolle.
Da ist beispielsweise der Frequenzgang der NF-Stufe und des Lautsprechers, der dem einen Hörer mehr entspricht als dem des anderen. Selbst die Regelkonstante der AGC wird subjektiv verschieden bewertet. Verschieden schaltbare Zeitkonstanten bieten, auch als Vorraussetztung für das Hören spezieller Betriebsarten, eine Anpassung an die Bedürfnisse.

Ebenso subjektiv wird die Anbringung von Bedienungselementen, deren Logik in der Bedienung und die Form und Farbe des Displays bewertet. Auch wenn es hinsichtlich solcher Merkmale sicher Grenzen nach unten gibt. Wenn bei einem Stationsgerät beispielsweise nadelkopfgroße Taster Verwendung finden, wie es bei einem ?Taschengerät? evtl. notwendig ist, wäre das durchaus kritikwürdig.
An Krümelsuche erinnert mich dagegen z.B. die Kritik an einen Antennenwahlschalter, weil er auf der Geräterückseite angebracht ist. Sicher wäre es sinnvoller, ihn vorn anzubringen, aber es ist recht wahrscheinlich, dass ein Empfänger, der nur eine Antennenbuchse besitzt, den Kritikpunkt ?Antennenwahlschalter? garnicht erst erhält. Ist es von entscheidender Bedeutung, ob das Display Vakuumröhren, LED´s oder LCD besitzt, ob die Taster schwarz, weiß oder rot beschriftet sind, ob Tasten doppelt belegt oder doppelt vorhanden sind, ob der Lautsprecher oben, vorne oder unten ist, ob, ob, ob... Auf jedes Argument gibt es ein ebenso gewichtiges Gegenargument.
Für die Bewertungen eines Kurzwellenempfängers sollte nach folgenden Ergebnissen unterschieden werden:

1.  unakzeptabel, weil z.B. die Funktion defacto nicht erfüllt oder in Frage gestellt ist
2.  verbesserungswürdig, wobei die Funktion dennoch vorhanden und nutzbar ist
3.  gut

Die unter Punkt zwei genannte Bewertung gibt sicher den meisten Anlass zum Grübeln. Anders gesagt, bei dessen Klärung wird vermutlich die Entscheidung zum Kauf getroffen. Aus vielen Diskussionen ist festzustellen, dass hier z.T. recht übertriebene Forderungen an einen Empfänger gestellt werden. Wie schon oben gezeigt, gibt es verbesserungswürdige Eigenschaften, die aber selbst bei häufiger Nutzung kaum hinderlich oder störend sein müssen. Vielmehr erhitzen sich SWL´s aus ?Prinzip? an relativ unbedeutenden Dingen. Ursache dafür ist manchmal schon die fehlende Bereitschaft, sich bei der Bedienung an eine andere Philosophie zu gewöhnen oder einfach bei der Betätigung der Tasten ein Klick statt einem Klack zu akzeptieren. Ein sachlicher Forderungskatalog, vorab aufgestellt, könnte hier Hilfe bei einer Kaufentscheidung bieten, sofern man sich dann auch daran hält.

Völlig außeracht gelassene Kriterien sind oft die mechanische Qualität der Gehäuse und überhaupt aller Komponenten. Damit verbunden sind die Haltbarkeit des gesamten Gerätes. Hierzu lassen sich kaum Empfehlungen geben, außer, man möge sich den Kandidaten genau anschauen und evtl. einen Blick hineinwerfen. Doch Auskunft über die tatsächliche Haltbarkeit der Komponenten wird nur die Zeit geben können, die bei neuen Produkten eben noch nicht abgelaufen ist.

Da sind Bedienungs-und Anschlussmöglichkeiten am Empfänger, auf die der eine nicht verzichten möchte, für den anderen jedoch völlig uninteressant sind. Am Preis allein lässt sich der Wert jedenfalls nicht messen, dafür gibt es zu gewichtige Kriterien, die einen geringer ausgestatteten Empfänger dennoch preiswürdig genug erscheinen lassen. Reden wir nur mal von der Empfangsleistung an sich. Die ergeben sich sich nicht zwangsläufig durch Ausstattungsdetails. Bestes Beispiel sind Sende-und Empfangsgeräte, wie sie in der Fliegerei und dem Militär Verwendung finden. Hier wird bewusst auf Bedienungsvielfalt verzichtet.

Es werden Geräte miteinander verglichen, welche nach dem Gesetz des Preisleistungsverhältnisses überhaupt nicht vergleichbar sind. Und gerade in diesem Verhältnis sähe ich eine realistische Bewertungsmöglichkeit, obwohl dies die schwierige Einbeziehung aller nur denkbaren Merkmale erforderte und im Einzelnen noch verschieden schwer bewertet werden müssten. Und wer könnte das schließlich objektiv tun.

Es werden bei der Bewertung Anforderungen an Geräte gestellt, die einfach nicht für den entsprechenden Zweck konzipiert sind. Dazu fällt mir dann ein, dass ein kleiner ?Aldi?-Weltempfänger besser ist als ein professionelles Stationsgerät, wenn man ihn einfach, im Gegensatz zum Stationsgerät, zum richtigen Zeitpunkt bei sich trägt. Was bedeutet also ?besser? oder ?schlechter??

Da gibt es dann auch noch die starke Verbundenheiten zu Geräten bestimmter Hersteller, die wirklich jeder Objektivität entbehren. Wenn sich dies aus persönlicher Erfahrung heraus so entwickelt, ist daran aber auch nichts auszusetzten, wenn der Hörer diese Kriterien zur Auswahl seines eigenen Gerätes anwendet. Schließlich muss er dann damit zufrieden sein. Er dürfte dann nur nicht damit sachlich argumentieren.

Viel Unsachlichkeit unter SWL´s bei der Beurteilung von Empfängsgeräten ist die Folge von journalistischen Bemühungen. So kann man sich in einigen Fachzeitschriften sicher sein, dass ein neues Gerät, welches auf den Markt kommt, totsicher als das beste seiner Klasse beschrieben wird, das es je gegeben hat. Da wird fast jedes Jahr ein neues Referenzgerät gepriesen, was den potenziellen Käufer nur verunsichert. Darüber hinaus stellt man auch herstellerbezogene Sympatien und Antipatien fest. Welche Gründe hat das nur? Der Leser hat leider nicht viele Möglichkeiten, sich dem zu entziehen, wenn er informiert sein will.
 

Was bleibt als Fazit?

Ideal wäre natürlich die Möglichkeit, ein Gerät selber testen zu können. Mit einem Antennenwahlschalter ließen sich so direkte Empfangsvergleiche anstellen. Der Zeitaufwand wäre aber beträchtlich, denn es wäre sinnvoll, einen Vergleich über das gesamte, empfangbare Frequenzspektrum in relativ kleinen Schritten durchzuführen, ebenso wie die Wahl verschiedener Betriebsarten. Einige empfangene Highlights geben nämlich keinen Aufschluss über die Empfangsleistung. Ich stelle mir gerade bildlich vor, wie ich, ausgerüstet mit Frequenzbüchern und Thermoskanne, im Laden stehe und den Verkäufer bitte, mir eines seiner Empfangsgeräte einmal für ein paar Stunden zur Verfügung zu stellen. Er wird sich bedanken, und nicht weniger, wenn ich ihm vorher noch klar mache, dass ich dieses Gerät ?vielleicht? einmal kaufen möchte.

Wahrscheinlicher ist es, dass man sich für ein Gerät interessiert, welches einem nicht zum Test zu Verfügung gestellt wird.
Als erstes verweise ich dann wirklich auf die technischen Daten, welche einen Vergleich zulassen, wenn sie richtig gedeutet werden (s.o.). Aber auch, wenn sie den vielleicht stärksten Strohhalm in Bezug auf die Empfangsqualität darstellen, an den wird uns zur Beurteilung klammern können, geben sie des subjektiven Hörempfindens wegen keine vollständige Auskunft.
Die Ausstattung ist weitestgehend den Testberichten und Prospekten zu entnehmen. Sie beeinflussen die Kaufentscheidung mit am höchsten. Dies und den damit verbundenen Preis muss jeder selbst relativieren. Die Überlegung, für was brauche ich den Empfänger, sollte dabei mit hoher Priorität Berücksichtigung finden.

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