Den Begriff “Fortschritt” in seiner allgemeinsten Form zu beschreiben, ist schon nicht ganz so einfach. So könnte man ihn z.B. ganz sachlich als einen Schritt bezeichnen, der einem vorherigen folgt. Oder man betrachtet ihn als das Gegenteil eines Rückschrittes. Was ist ein Rückschritt? Im Sprachgebrauch, vornehmlich bei der technischen Entwicklung, assoziiert man meist eine Zunahme von positiven Eigenschaften im Laufe eines Zeitablaufes
Da hier der technische Fortschritt im Vordergrund stehen soll, möchte ich anhand eines artfremden Beispiels auf noch ein Problem der Deutung hinaus:
Im Laufe der über hundertjährigen Entwicklung von Automobilmotoren lassen sich zwei Entwicklungen erkennen, die im Grunde ein und denselben Fortschritt darstellen. Zum einen werden die Motoren immer leistungfähiger, ohne dabei mehr Kraftstoff zu verbrauchen. Zum Anderen gelang es den Motorherstellern nicht, den Verbrauch wesentlich zu senken, wobei das Dreiliter-Auto schon seit Jahrzehnten Realität sein könnte. Dies belegt, wie sehr der Begriff ?Fortschritt? auch von der Sichtweise des Betrachters abhängt.
In der Funktechnik gibt es klare Eckdaten, die die Empfangsqualität eines Receivers belegen. So kann man bei einer Steigerung von Empfindlichkeit, Steilflankigkeit der Filter, Großsignalfestigkeit etc. den rein technischen Fortschritt recht eindeutig festmachen. Hierbei spricht der Vergleich von Oldtimern mit modernen Geräten eine z.T. eindeutige Sprache. Dabei ziehen oft kommerzielle Empfänger der absoluten Spitzenklasse vergangener Jahrzehnte gegen kleine, moderne Kofferempfänger den Kürzeren. Insbesondere die Frequenzstabilität, Spiegelfrequenzdämpfung, Dynamikbereich und Formfaktor von ZF-Filtern geben sich nach heutigem Maßstab recht antiquiert. Doch so einfach kann man es sich nätürlich nicht machen. So können sich technische Verbesserungen auch negativ auswirken. Beispielsweise wird ein Empfänger nicht von einer kompromisslosen Steigerung der Empfindlichkeit profitieren, wenn nicht gleichzeitig eine gute Selektion, geringes Eigenrauschen und ein großer, vorallem linearer Dynamikbereich für ausreichende Großsignalfestigkeit sorgen. Zudem lassen es die in Massenproduktion gefertigten Empfänger oft an korrekter Abstimmung mangeln, was die Qualität schmälert, ohne das dies aufgrund der Schaltungsauslegung und verwendeten Bauteile nötig wäre. Fortschritt lässt sich also sinnvoll nur am Gesamtergebis messen.
Als uneingeschränkten Fortschritt ist sicher die Miniaturisierung von elektronischen Geräten zu sehen. Tatsächlich? Zumindest wenn man davon ausgeht, dass die Temperaturentwicklung im Inneren des Gerätes nicht zu Problemen wie Frequenzdrift oder gar Zerstörung führen, die mechanische Stabilität gewährleistet ist und sogar die Funktionsvielfalt zumindest erhalten bleibt, so ist dies m.E. als echter Fortschritt zu bewerten.
Konsumenten sind oft voreingenommen genug, um recht kompromisslos gewisse Herstellerprodukte vorzuziehen. In wie weit diese Neigungen hier durch Erfahrungen, das äußere Design oder auch nostalgische Momente geprägt wird, ist kaum zu beantworten. Tatsache ist, dass hierbei nicht unbedingt die technischen Qualitäten zu Kaufentscheidungen führen, der Fortschritt demnach mehr oder weniger ignoriert wird.
Sehen wir uns einmal gewisse Entwicklungen in der Amateurfunktechnik an. Die Halbleitertechnik ermöglichte im Laufe der Zeit zunächst eine Verbesserung des Bedienungskomforts. Dabei wurde die Bedienung vereinfacht, in dem z.B. die Einstellung der Betriebart, Bandbreite und AGC bei einem Aufruf eines Speicherplatztes automatisch erfolgt. Und auch die digitale Frequenzwahl würde nur ein Nostalgieanhänger als Rückschritt bezeichen.
Habe ich mich gerade unbeliebt gemacht? Na gut, ich setzte vorraus, das der Fortschritt so weit gediehen ist, dass das Frequenzraster fein genug ist, um ein quasianaloges Abstimmen zu ermöglichen und dass der Syntisizer keine Eigenstörungen produziert- zufrieden?
Mittlerweile verfluche ich genau diesen Fortschritt, wenn er mir in einer Bedienungsanleitung stolz mitteilt, dass der Empfänger erst in Verbindung mit einem PC all seine Möglichkeiten ausschöpft (Um davon abzulenken, dass es dem Hersteller nicht gelungen ist, den Empfänger auch so bedienbar zu machen).
Eindeutig rückschittlich wirkt sich die moderne Marktwirtschaft auf die Verarbeitung von Geräten aus. Die mechanische Qualität fällt dem Preiskampf zum Opfer. Bedenkt man, mit welchem Aufwand an früheren Röhrengeräten für Frequenzstabilität gesorgt werden musste, allein um die Unzulänglichkeiten der elektr. Komponenten zu überwinden, so tut es schon weh,wenn man sieht, wie negativ sich ein instabiles Gehäuse oder minderwertige Potis die ansonsten sehr hoch realisierbare Frequenzstabilität mit Halbleitern beeinflusst. Ganz zu schweigen von der Empfindlichkeit bei Transport und Temperaturschwankungen.
Was die Lebensdauer angeht, so müssen moderne “Plastikgeräte”, bei denen die Gehäuseteile eher an den Platinen befestigt sind als umgekehrt, erst einmal eine 50-jährige Betriebsdauer unter Beweis stellen, wie dies bereits schon viele Amateurgeräte taten.
Was qualitativ möglich ist, zeigen eine Auswahl von Entwurfsanforderungen für avionische Funkgeräte, Bedingungen also, bei denen die Geräte uneingeschränkt und dauerhaft funktionieren müssen und auch ein Indiz für Haltbarkeit darstellen.
- Temperaturen von -60° bis +70°
- Luftdruck von Null bis 25.000 m
- Fuftfeuchte von 100%
- Beschleunigungen (Vibrationen) von 0 bis 2000Hz
All diese Anforderungen werden zeitgleich verdaut, von einem zum anderen Extrem, auch in schnellstem Wechsel. Dabei sind die Bedingungen von EMV (vorallem durch die Nähe anderer Sendeeinrichtungen in der gleichen Karosserie), Schwankungen der Versorgungsspannung (Spannungsspitzen) und ?fallen lassen aus Höhe X? noch nicht genannt. Aber das alles ist auch eine Frage des Geldes.
Im Gegensatz zu folgender Entwicklung, zu der die Nachfrage der Konsumenten maßgeblich beigetragen hat.
Die Bedienungsvielfalt vieler Amateurgeräte lässt gewissermaßen auf die Verspieltheit von Radioamateure schließen. Bin ich jetzt schon wieder zu weit gegangen? Ich wollte ja auch sagen, auf die Experimentierfreude der Radioamateure. Dabei könnte es doch so einfach gehen, wie immerhin wenige Receiver der Gegenwart demonstrieren, allen voran der Lowe HF-150. Wobei man auch sagen muß, dass hier einige Ausstattungsmerkmale nicht vorhanden sind, welche einfach eigene Bedienungselemente vorraussetzen wie z.B. ein Notchfilter oder Passbandtuning. Aber dann möchte ich doch noch einmal auf Flugzeugfunkgeräte verweisen. Deren Bedienung beschränkt sich immerhin auf das Nötigste, also das, wozu ein gestresster Pilot gerade noch bereit ist. Dazu gehören der Drehschalter für EIN/AM/SSB, der VFO für Frequenz-bzw. Kanalwahl sowie der Squelsh- und Lautstärkeregler. Wäre denn ein Notch, Passband, Noiseblanker, Verstärkerregelung und vieles mehr überhaupt notwendig, wenn diese eine eigene Intelligenz besäßen, die grundsätzlich das Optimum zur Sprach-oder Tonverständlichkeit herrausholen würde? Die AGC tut ähnliches immerhin schon. Die Bezeichnung Intelligenz ist dabei eigendlich schon zu hoch gegriffen, denn Digitaltechnik wäre zu weit mehr fähig, wenn nicht schon die Güte der Empfängerschaltung an sich manche Bedienungselemente überflüssig machen würde. Wie gesagt, der Fortschritt läßt sich sinnvoll erst am Gesamtergebnis erkennen. Welch schrecklicher Gedanke, ein Radioamateur müßte sich diesem Fortschritt unterwerfen?! Also wird auch hier der Fortschritt vom Amateur nicht gerade gefördert.

Bild 1: “King-Size”, Bedienteil des HF-Flugtransceivers KHF-950 von KING
Dann gibt es noch echte Rückschritte zu beklagen, die vielleicht wegen zu geringem Protest bei den Käufern möglich wurden. So frage ich mich, weshalb die Existenz eines 2. VFO´s oder einer Art RIT bei Receivern der gehobenen Klasse nicht zum Standard gehören. Denn das Verlangen nach Handabstimmung ist, zu mindest bei Kurzwellenempfängern, immer noch ungebrochen. Diese Einrichtung ist auch mit den gewaltigsten Speicherplatzzahlen nicht zu ersetzen, da der Eingriff in die Speicherverwaltung meist ein Programmierakt erster Klasse ist und jede weitere Frequenzverstimmung einen weiteren solchen bedeuten würde. Man möchte schließlich ganz schnell und flexibel Zugriff auf eine Zweitfrequenz mit der Möglichkeit der VFO-Abstimmung haben.
Nicht minder wundere ich mich darüber, dass aufklappbare Füße, Meßgerätegriffe, wirklich gut ablesbare Displays und vorallem einigermaßen bedienbare Tasten nicht grundsätzlich zum Standard gehören, wenn es sich schon um einen Stationsempfänger handelt.
Mit dem Fortschritt ist es doch so: Es gibt ihn, wenn man berücksichtigt, was ?theoretisch? praktisch möglich wäre. Wie sich bereits gezeigt hat, beeinflussen die menschlichen Neigungen, wie weit sich der technische Fortschritt durchsetzt. Dieser kann dadurch, wie gesagt, gehemmt, aber auch deutlich beschleunigt werden. Im Laufe der Entwicklung der Funktechnik haben sich, frei nach dem Motto ?schneller, weiter, höher? die Zahl der Sendestationen sowie deren Sendeleistungen drastisch erhöht. Um den steigenden Anforderungen an reibungslosem Funkbetrieb gerecht zu werden, musste die Gerätetechnik in punkto Selektivität und Großsignalverhalten mitziehen, also Fortschritte machen. Dabei muss man sehen, dass auch die Geräte der vergangenen Jahrzehnte nicht weniger fortschrittlich waren, da sie jeweils zu ihren Zeiten das Notwendige zu leisten vermochten. Es wird klar, dass Fortschritt eine feste Funktion der Zeit ist, weshalb sich die Techniken verschiedener Generationen nur ungerechterweise vergleichen lassen. Das macht es dem Nostalgiker so leicht, seine Oldtimer zu lieben und leider unterliegt er oft der Versuchung, die Vergangenheit mit der Gegenwart zu vergleichen; Verbunden mit Enttäuschung.
Vergleicht man gegenwärtige Empfangsgeräte miteinander, stellt man fest, dass nicht eine natürliche Evolution stattfindet, welche eine Auswahl zugunsten eines Optimums trifft, sondern eine Anpassung an die Erfordernisse des Marktes, seien sie auch technisch rückschrittlich.
So scheint es, dass der Scheitelpunkt der HF-Gesamtemission global überschritten ist und zurückgeht. (Ersatz durch Satelliten, Verlagerung von Diensten in den VHF/UHF-Bereich). Es ist zu befürchten, dass sich die Gerätehersteller dieser Entwicklung anpassen werden, und zwar mit geringeren technischen Anforderungen an z.B. Selektivität und Dynamikbereich. Wenigstens bei den preiswerteren Konsumergeräten, den Kofferempfängern.
Reizt das nicht zum Selbstbau? Nimmt man den Höhepunkt des Fortschrittes in der empfangstechnischen Entwicklung als Maßstab, bleibt dem “einfachen” Radioamateur ein Erfolg beim Selbstbau wohl vorenthalten. Aber gerade die nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten dem Rotstift zum Opfer fallenden Merkmale eines Receivers, die so praktisch und hilfreich sein können, hätten eine Chance, nicht in Vergessenheit zu geraten.